SEKTION FÜR KINDERORTHOPÄDIE

Neuroorthopädie

Die (Kinder-)Neuroorthopädie stellt einen wesentlichen Schwerpunkt unserer kinderorthopädischen Arbeit dar.
Infolge von neurologischen (also Nerven-) Erkrankungen kommt es zu Veränderungen der Muskelaktivität, die durch im Wachstum zu Fehlstellungen und Funktionsstörungen von Knochen und Gelenken führen können. Typische Veränderungen der Muskelaktivität sind z.B. Spastiken, Lähmungen und Muskelschwächen.

 

Im Folgenden möchten wir einige häufige neurologische Erkrankungen und ihre kinderorthopädischen Folgeerscheinungen vorstellen.

 

Krankheitsbilder / Ursachen:

 

• Infantile Zerebralparese
Die infantile Zerebralparese oder auch spastische Zerebralparese ist die Folge einer vorübergehenden Sauerstof-Mangelversorgung des Gehirns vor, bei oder nach Geburt. Sie kann auch infolge einer Hirnblutung, meist bei Frühgeborenen, vorkommen.
Typisch sind ein Nebeneinander von Spastiken (Überaktivität der Muskulatur) und Muskelschwächen (Hypotonien). Man unterscheidet je nach Ausprägung solche Formen, die alle vier Gliedmaßen betreffen (Tetraparese), nur die Beine betreffen (Paraparese) und Halbseitensymptome (Hemiparese).

 

• Spina bifida / Meningomyelozele
Die beiden Begriffe können im Prinzip synonym verwendet werden und bezeichnen einen fehlenden Verschluss des Rückenmarkes bei Geburt. Während im frühen Neugeborenen- und Säuglingsalter neurochirurgische Maßnahmen notwendig sind, spielt im weiteren Wachstum die kinderorthopädische Betreuung (neben der Kinderurologie und Gastroenterologie) eine wichtige Rolle.
Typischerweise haben Kinder mit Spina bifida eine schlaffe Lähmung, die je nach Höhe des Rückenmarksschadens Teile oder das ganze Bein (oftmals mit unterschiedlicher Ausprägung der beiden Seiten) bis hin zum Rumpf betreffen kann. Neben den eigentlichen schlaffen Lähmungen können auch Spastiken (Überaktivität der Muskulatur) vorkommen.

 

• Seltene Syndrome /Erkrankungen
Es gibt eine Vielzahl selten vorkommender Syndrome, die zu einer Schwäche und/oder Überaktivität der Muskulatur führen können. Dazu zählen Fehlbildungen des Gehirns, Stoffwechselerkrankungen, Gendefekte uvm.

 

• Hereditäre Sensorisch-Motorische Neuropathie (periphere Neuropathien)
Im Gegensatz zu den bisher genannten Erkrankungen ist bei der Hereditären Sensorisch-Motorische Neuropathie (HSMN) nicht das zentrale, sondern das periphere Nervensystem (periphere Neuropathien). Es kommt im Laufe des Lebens, häufig beginnend um das 10. Lebensjahr, zum Ausfall kleiner Nerven in der Peripherie, also in Füßen und Händen. Dies führt zu einem Ausfall der kleinen, sog. Intrinsischen Muskulatur. Während dieser Funktionsverlust an den Händen oft keine Auswirkung hat, kommt es am Fuß durch das Ungleichgewicht der Muskelaktivität und die hohe Belastung beim Gehen und Rennen zu einer zunehmenden Fehlstellung von Gelenken und Knochen. Im Verlauf entwickeln sich Zehenfehlstellungen (Hammerzehen, Klauenzehen, Krallenzehen) und sog. Hohlfuß- oder Ballenhohlfußdeformitäten. Dies wiederum führt zu einer Bewegungseinschrängung und Schmerzen.
Die Therapie umfasst eine Kombination aus weichteiligen Eingriffen (u.a. Sehnenverlagerungen) und knöchernen Korrekturen.

 

Symptome /Folgen:

 

Häufig vorkommende kinder- bzw. neuroorthopädische Folgen sind:

 

o Wirbelsäulen- oder Rumpffehlhaltungen
Durch die Asymetrie der Muskelaktivität kann es zu Problemen der Rumpfhaltung oder der Form der Wirbelsäule (Skoliose) kommen.

 

o Fehlstellungen der oberen Extremität (Arme & Hände)
Die Schwierigkeit die Ellenbogen, Handgelenke und Finger infolge von Spastik zu strecken (Kontrakturen) sind ebenso typisch wie Fehlstellungen an den Handgelenken.

 

o Neurogene Hüftdysplasie
Durch ungleiche Aktivität der Muskulatur um das Hüftgelenk und durch verzögertes oder verringertes Stehen und Gehen kommt es zu einer mangelhaften Entwicklung des Hüftgelenkes. Ohne Therapie (die all die oben genannten Optionen beinhaltet) kann es zum Ausrenken des Hüftgelenkes (Hüftluxation) kommen. Dies führt zu Schmerzen und weiteren Bewegungseinschränkungen.
Das wesentliche Ziel bei der Behandlung der Hüftdysplasie ist es eine Luxation (Ausrenken des Gelenkes) zu verhindern, da die Therapie dieser deutlich erschwert ist.
Sollte eine operative Behandlung nötig sein, so können wir diese durch Verwendung modernen kindgerechter Implantate in der Regel ohne Gipsbehandlung durchführen.

 

o Kontrakturen der unteren Extremität
Kontrakturen bezeichnen die Einschränkung des natürlichen Bewegungsausmaßes der Gelenke. Dies wirkt sich an der unteren Extremität (Beine) häufig noch stärker aus, als an den Armen. Grund hierfür ist das Körpergewicht, das die Beine übernehmen müssen. Jeder kann sich vorstellen, das es viel schwieriger ist, mit einem Kniegelenk, das nicht ganz getreckt werden kann, den Alltag zu meistern als mit einem Ellenbogengelenk, das immer leicht gebeugt ist.
Typischerweise kommen Kontrakturen an allen Gelenken der unteren Extremität (Hüft-, Knie und Sprunggelenk) vor. Die Diagnose und Therapieplanung erfordert viele anatomische Kenntnisse und Erfahrung in der Behandlung neuroorthopädischer Erkrankungen.

 

o Fußfehlstellungen
Typisch ist häufig zunächst die Entwicklung eines Spitzfußes, als das Stehen und Gehen auf dem Vorfuß und den Zehen. Im Weiteren Wachstum „kollabiert" der Fuß jedoch unter der Last und es entwickelt sich dann ein neurogender Knick- oder Klumpfuß.
Je nach Ursache kann es jedoch auch von Anfang an zu anderen Fußfehlstellungen kommen. Bei der HSMN (s. oben) kommt es immer zum Hohlfuß.
Idealerweise lassen sich durch konservative (nicht-operative) Maßnahmen solche Fehlstellungen vermeiden. Wenn nicht, dann streben wir in der Regel um das 12. bis 14. Lebensjahr eine fußkorrigierende Operation an.

 

Behandlung


Die Behandlung der einzelnen neuroorthopädischen Folgen richtet sich je nach Alter, Ursache und Ausprägung dieser.

 

Die drei Säulen unserer Behandlung sind:


o Ermöglichen der Teilhabe und Selbständigkeit (Sitzen, Stehen, Gehen...)
o Verhinderung von Fehlstellungen
o Vermeidung von Schmerzen

 

Mögliche Behandlungsoptionen sind:
o Konservativ
- Physiotherapie
- Orthesen (Schienen) und Korsette
- Hilfsmittel (Rollstuhl, Sitzhilfen, ...)
- Medikamentöse Therapie (z.B. Botox)

 

o Operativ
- Weichteilige Operationen
• Perkutane Myofasziotomie (Operation n. Ulzibat)
• Sehneneingriffe
• Offene Eingriffe an Muskeln und Faszien
- Knöcherne Operationen
• (Hüft-)Gelenkskorrekturen
• Umstellungsosteotomien (Veränderung von Knochenausrichtungen)
• Gelenkversteifende Operationen (v.a. am Fuß)